Zum Abschied von Integrationsmanagerin Andrea Schiller
Zum Abschied von Integrationsmanagerin Andrea Schiller
Zum Jahresende verlässt die Integrationsmanagerin Andrea Schiller Ebersbach. Fast genau zehn Jahre lang hat sie sich zusammen mit ihren Kolleginnen und den Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe für die Integration der Geflüchteten in Ebersbach eingesetzt.
Beim alljährlichen Mitarbeiterfest im Haus Filsblick wurde sie feierlich verabschiedet. Wir dokumentieren hier die Rede von Joachim Auch zu ihrem Abschied:
Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Raichle, liebe Ehrenamtliche, liebe Freunde und Freundinnen der Flüchtlingshilfe!
Sorry, sorry! Jetzt kommt ein echter Stimmungskiller! Und zwar eine Abschiedsrede! Und auch noch zum Abschied von unserer Integrationsmanagerin Andrea Schiller, die wir alle doch gar nicht gehen lassen wollen!
Fast genau zehn Jahre sind es jetzt geworden, in denen Du, Andrea, Dich mit Leib und Seele, mit Herz und Hirn für die Geflüchteten in Ebersbach eingesetzt hast. Immer pragmatisch, auch wenn’s Schwierigkeiten gab, und die gab’s jede Menge, immer absolut verlässlich, sowohl mitfühlend als auch zupackend. Übrigens: „Nein“ sagen kann sie auch, die Andrea, wenn irgendwas nun wirklich nicht geht. Und vor allem hast Du, ehrlich gesagt, so ziemlich als einzige den Überblick behalten.
10 Jahre Deines Lebens hast Du uns gegeben. Zehn Jahre, in denen schier unglaublich viel passiert ist. Wir haben das für ganz selbstverständlich gehalten. Bis jetzt, wo Du gehst.Â
Und so langsam merke ich, merkt ihr, merken Sie: Das wird gar keine Abschiedsrede jetzt. Das wird eine Dankesrede. „Andrea Schiller – Koordination Flüchtlingshilfe“ so stand es auf Deinem ersten Türschild im Rathaus. Im Hauptamt, wie das damals noch hieß. „Überlebenstrainerin“ wäre passender gewesen.
2015/2016 war es, als plötzlich unter der Strutbrücke Zelte für die vielen Menschen aufgestellt werden mussten, die vor den fürchterlichen Kriegen in ihrer alten Heimat fliehen mussten. Syrer, Iraker, Afghanen. Mit ihren Kindern, mit Kranken und Alten. Mit ein paar Koffern und Plastiktüten. Da ging es erst mal um das Wichtigste: Ein Dach über dem Kopf, und wenn’s ein Zeltdach ist, Essen, Kleidung, Arzttermine, die ersten Brocken Deutsch, Formulare ausfüllen, Kindergarten- und Schulanmeldungen, dann Wohnungen und Arbeit suchen. Schaffen wir das? Der berühmte Satz.
Ja, ham wir, in aller Bescheidenheit. Wir haben es geschafft, bei allen Problemen, die es, meist verursacht durch einzelne, natürlich auch gab. Wir haben es geschafft, weil es Menschen wie Dich, Andrea, gab. Menschen, die im Fremden einfach den Menschen sehen. Und klar, ganz alleine schafft das niemand. Mit Binash Hussein und Semiha Ökdem hattest und hast du kongeniale Team-Kolleginnen. Und es gab viele, viele Freiwillige, die einfach so mithalfen, anpackten, sich was einfallen ließen. Und das bis heute immer noch tun.
Es ist immer wieder und immer noch erstaunlich, wie viele Talente es in unserer Stadt gibt, von denen man bislang gar nichts wusste.
Nur ein Beispiel: Wer hätte es vorher gewusst, da gab’s doch tatsächlich jemand in Ebersbach, der Arabisch sprechen konnte, ein anderer Persisch, ein dritter Kurdisch und eine vierte Person Russisch – für die Tschetschenen.Â
Aber wenn man mal nicht weiterwusste, wen konnte man immer fragen, fast zu jeder Tages- und Nachtzeit? „Weißt Du jemanden, kennst Du jemanden, der …?“ Frag Andrea, unsere „Koordinatorin“, ja zu Recht, unsere Koordinatorin. Denn wir Flüchtlingshelferinnen und -helfer sind ein ja ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen – was ja ein Vorteil und ein Nachteil zugleich ist. Ihr wisst, was ich meine.
Erst in der Rückschau merken wir, was klug und unauffällig gemanagt durch Andrea alles so lief in der Flüchtlingshilfe Ebersbach: Ein Büro und Schulungsräume in der jetzt abgerissenen Daimlerstraße 2 wurden größtenteils in Eigenregie renoviert: Es gab Sprachkurse, Nähkurse, Kochkurse, Schwimmkurse, Gesundheitsberatung, Bewerbungstraining, Mathe-Nachhilfe, eine Fahrradwerkstatt, Computer, Sachspenden-Vermittlung, ein Kinderteam, – und monatlich ein Café Asyl.
Das fiel auch anderen auf: Die Flüchtlingshilfe Ebersbach bekam einen Preis von der Bosch-Stiftung, den Bürgerpreis der Stadt Ebersbach und ein Dokumentarfilm über sie wurde von Studierenden der Hochschule Esslingen gedreht.
Es gab so viel in Ebersbach, was es ohne Andrea und die Flüchtlingshilfe in der Form nicht gegeben hätte: Gesprächsabende, Lesungen, Konzerte, auch mit einer Holocaust-Überlebenden, Filmabende, Ostereier-Bemalen, Sommerfeste, Besuche vom Nikolaus und das schon traditionelle gemeinsame Fastenbrechen am Ende des Ramadans.
Dann kamen in der Daimlerstraße die Wohncontainer. Ständig mussten und müssen Einzüge, Umzüge, Auszüge gemanagt werden. Und der Sperrmüll? O je. Lassen wir das Thema. Oder besser: Danke, Bauhof!Â
Koordination? Natürlich, Andrea Schiller. Aber nicht nur Koordination. Immer hat sie auch mit eigenen Händen mitangepackt.
Aber auch auf dem politischen Parkett konnte Andrea sicher auftreten. Andrea, Du warst unser heißer Draht in die Stadtverwaltung hinein, zu Arbeitgebern, Ausbildern und Vermietern. Kaum zu glauben, was sich in dem harmlosen Wörtchen „Koordination“ so alles versteckt.
„Integrationsmanagement“ steht jetzt auf dem Türschild. Ist damit alles klar? Nee, nicht wirklich. Eine amtliche Jobbeschreibung ist und bleibt schier unmöglich. Nur die Einstellungsvoraussetzungen sind glasklar: ordentlich Frustrationstoleranz und jede Menge gesunder Menschenverstand. Andrea hat beides. Anders gesagt: Andrea, mit Dir kann mal halt „schaffa“. Ihr wisst: Ein größeres Lob gibt es nicht im Schwäbischen.
Als Beweis für das von Dir Geleistete, für das von Dir Ermöglichte, das geduldig Ertragene, als Erinnerung, ja, einfach als Dank wollen wir Dir deshalb ein Buch mit Fotos aus Deinen zehn Jahren mit der Flüchtlingshilfe Ebersbach schenken. Schau’s Dir mal in einer ruhigen Minute an. Du wirst es selbst kaum glauben können!
„Die Flüchtlinge haben mein Leben verändert“, hast Du einmal gesagt, Andrea.
Ja, aber Du, Andrea, DU hast das Leben von HUNDERTEN Flüchtlingen verändert. Zum Besseren. In einem für sie alles entscheidenden Moment. In einem Moment, wo sie am verletzlichsten waren. Am meisten Hilfe brauchten.
Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn irgendwann in der Zukunft die neugewählte Präsidentin in irgendeinem fernen Land bei ihrer Antrittsrede sagen würde: „Ohne Andrea Schiller wäre ich jetzt nicht hier.“
Aber wir, wir müssen Dich jetzt leider weiterziehen lassen – in eine neue Lebensphase. Schweren Herzens, aber froh, dass Du bei uns warst. Wir wünschen Dir alles, alles Gute, interessante Reisen mit Eurem Wohnmobil, weiterhin gute Begegnungen mit Menschen aus aller Welt und sagen zum Abschied einfach nur ganz leise: Danke, Andrea, danke für alles.Â



